C.M. Zorn: Die Vergebung der Sünden – Teil 8

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Über eine Frage müssen wir uns noch klar werden, nämlich über diese: Können wir der Vergebung unserer Sünden oder unserer Rechtfertigung ganz gewiss sein?

Auf diese Frage antworte ich kurz und entschieden: Ja.

Bist du, lieber Leser, der Vergebung deiner Sünden und deiner Rechtfertigung ganz gewiss? Kannst du auf diese Frage mit einem kurzen und entschiedenen Ja antworten?

Ich will im Folgenden zeigen, wie ein Christ der Vergebung seiner Sünden und seiner Rechtfertigung ganz gewiss sein kann.

Siehe, lieber Christ, hier ist ja gar kein Raum für irgendeine Ungewissheit.

Bedenke doch, wie die Sache sich verhält.

Gott hat in Christus die ganze Welt absolviert, der ganzen Welt die Sünden vergeben, die ganze Welt gerechtfertigt. Diese Absolution, diese Vergebung der Sünden, diese Rechtfertigung offenbart und gibt und schenkt Gott uns ganz frei und umsonst, ganz bedingungslos, durch das Evangelium. Er sagt dabei, dass wir seine Gnade und Gabe nur annehmen, dass wir ihm nur glauben und vertrauen sollen, dass das alles so sei — dann haben und besitzen und genießen wir diese Absolution, diese Vergebung der Sünden, diese Rechtfertigung. Und all dieses, was ich hier eben gesagt habe, das sagt Gottes eigenes, geschriebenes, wahrhaftiges Wort.

Kurz, durchaus nur als Gnade, als purlautere, bedingungslose Gnade, und auf göttlich gewisse Weise, nämlich durch Gottes eigenes Wort, wird dir die Vergebung der Sünden geschenkt.

Wo ist da Raum für irgendeine Ungewissheit?

Wenn Gott jetzt sichtbar vor dich hinträte und zu dir spräche: „So, wie du eben gehört hast, so ist es; dir sind alle deine Sünden vergeben“ — würdest du dann noch ungewiss sein? Sicherlich nicht. So zweifle auch jetzt nicht. Gottes geschriebenes Wort ist das Wort des gegenwärtigen Gottes. —

Aber ich weiß aus eigener bitterer Erfahrung, dass unser Herz dennoch Grund zur Ungewissheit zu haben meint, zur Ungewissheit nämlich darüber, ob Gott wirklich die Sünden vergibt.

Unser Herz sagt nämlich so: „Ja, es ist alles richtig, wie eben gesagt. Es ist alles Gnade. Und wenn ich der Schächer am Kreuz wäre, oder wenn ich die große Sünderin wäre, so würde ich auch gar nicht zweifeln. Aber ich bin schlechter als der Schächer am Kreuz, ich bin schlechter als die große Sünderin. Ich habe nämlich schon längst und lange Zeit die Gnade Gottes empfangen und angenommen und mich ihrer getröstet, nämlich die Gnade der Vergebung der Sünden. Aber habe ich mit dieser Gnade nicht auch die andere Gnade empfangen, nämlich die Gnade und Gabe der Heiligung? Und habe ich diese treulich benutzt? Nein, ich habe sie nicht treulich benutzt. Ziehe ich aber nicht die Gnade Gottes an Mutwillen? Wird Gott mir immer die Gnade der Vergebung geben, wenn ich die Gnade der Heiligung so übel gebrauche? Lässt Gott es sich denn gefallen, dass ich seine Gnade und Gabe trenne und teile: dass ich die Gnade und Gabe der Vergebung annehme und die Gnade und Gabe der Heiligung wegwerfe? Nein, das wird Gott sich nicht gefallen lassen. Sagt Gottes Wort nicht: ‚Wer nicht recht tut, der ist nicht von Gott‘? (1. Joh 3,10). Mein Gott, ich zittere! Ich kann mich der Vergebung der Sünden nicht mit Gewissheit trösten.“

Hierauf weiß ich nur eine Antwort. Aber, Gott sei Dank, ich weiß eine Antwort.

Es ist diese:

Mein lieber Christ, durch meine und deine Untreue im Gebrauch der Gnadengabe der Heiligung — ist dadurch die Tatsache umgestoßen oder auch nur im geringsten wankend geworden, dass alle Menschen und du und ich durch Christi Tod und Auferstehung von Gott Vergebung der Sünden und die Rechtfertigung empfangen haben? Nein. Ist dadurch das Evangelium umgestoßen oder auch nur im geringsten wankend geworden, das Evangelium, welches uns, dir und mir, diese Vergebung der Sünden, diese Rechtfertigung, offenbart, gibt, schenkt — ganz umsonst und ganz ohne jegliche Bedingung gibt und schenkt? Auch nicht. Nun, was wollen wir armen untreuen Menschen denn nun machen? Wollen wir verloren gehen? Wollen wir sagen: „Meine Sünde ist größer, denn dass sie mir vergeben werden möge“, und verloren gehen? Sag, wollen wir verzweifeln, wie Judas, und verloren gehen? Nein? Ich will weiter fragen: Wollen wir allerdings untreuen Menschen die Vergebung der Sünden, die für uns da ist, in Christus da ist, und die das Evangelium uns stetig offenbart und stetig gibt und stetig schenkt und stetig auf uns legt und stetig in uns legt und stetig uns mitteilt — wollen wir die von uns weisen und kopfschüttelnd und verzagend uns vor diesem Gnadensonnenschein verkriechen, weil — ja weil wir untreu im Gebrauch der Gabe der Heiligung gewesen sind? Und wollen wir so verloren gehen? Ich will noch weiter fragen: Wollen wir erst eine Weile ohne die Gnade Gottes und ohne Ergreifen der Gnade Gottes und ohne die Gewissheit der Gnade Gottes dahingehen und uns erst mehr und besser heiligen und dann, wenn wir mehr und besser geheiligt sind, die Gnade Gottes und die Vergebung der Sünden ergreifen? Wollen wir erst noch eine Weile unter dem Gesetz dahingehen, bis wir uns würdig erachten, uns unter die Gnade zu stellen? O weh! Nein! Wollten wir das tun, so müssten wir bald mit Luther singen:

Ich fiel auch immer tiefer drein,
Es war kein Guts am Leben mein,
Die Sünd hatt‘ mich besessen.

Ohne die Gnade Gottes haben wir gar keine Macht noch Kraft. Ohne die Gnade Gottes sind wir — verloren.

Halte ich dich auf? Zögere ich mit der reinen, klaren Antwort auf die Frage, was wir tun sollen, wenn wir wegen unserer Untreue in der Heiligung zittern und uns der Vergebung der Sünden nicht mit Gewissheit trösten können, zu trösten wagen?

Hier ist die Antwort:

Wir sollen das, was da ist und was Gott uns durch das Evangelium immer noch offenbart und gibt und schenkt, nämlich die Vergebung der Sünden — die sollen wir ohne Zögern, ohne Scheu annehmen, ergreifen, uns ihrer trösten, ihrer ganz gewiss, ihrer unzweifelhaft gewiss sein.

„Aber die Heiligung“ — Schweig von der Heiligung! Die Gabe der Vergebung der Sünden ist unbedingt.

„Aber die Heiligung“ — Die Heiligung ist auch eine Gabe Gottes, die mit der Gabe der Vergebung der Sünden gegeben wird. Wir sollen auch diese wieder annehmen und ergreifen.

„Herr, mein Gott, ich komme jetzt zum tausendsten Male und nehme wieder an, was du mir aus Gnaden gibst: die Vergebung der Sünden und die Rechtfertigung — und auch die Heiligung. Ach Gott, hilf mir doch, dass ich dieses endlich, endlich besser gebrauche! Aber

Ich bin ja doch dein liebes Kind,
Trotz Teufel, Welt und aller Sünd.

So sollen wir, nun ja: weinend und seufzend, doch, doch, doch beten und trauen und rühmen und trotzen und jubeln.

Hast du jetzt die Antwort?

Du hast sie.

Wo aber die Sünde mächtig worden ist, da ist doch die Gnade viel mächtiger worden“ (Röm 5,20). So sagt Gott. Wie war es mit David? mit Petrus? „Und wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen“, sagt Jesus, unser Heiland (Joh 6,37).

Bist du zufrieden? —

Da spricht einer: „Jetzt, heute, bin ich der Vergebung der Sünden und der Rechtfertigung gewiss, bin also auch gewiss, dass ich selig würde, wenn ich jetzt stürbe. Aber wie wird es sein, wenn ich nun noch Jahre lang lebe? Kann ich auch gewiss sein, dass ich an meinem letzten Ende, dann, die Vergebung der Sünden haben werde? Kann ich gewiss sein, dass ich nicht vom Glauben abfalle? Kann ich gewiss sein, dass ich selig werde, wenn ich auch noch lange hienieden pilgern muss? Kann ich mich heute schon mit völliger Gewissheit auf die dereinstige ewige Seligkeit freuen?“

Lieber Freund, ich will dich jetzt auch etwas fragen. Dies: Wäre es nicht ganz entsetzlich, wenn du denken müsstest, dass du möglicherweise ewig verloren gingest? Ist es also nicht wirklich nötig, dass du jetzt schon deiner dereinstigen ewigen Seligkeit gewiss bist?

Und du kannst ihrer gewiss sein. Du kannst gewiss sein, dass du an deinem letzten Ende, es mag nun früher oder später kommen, im Glauben und also im Besitz der Vergebung der Sünden und der Rechtfertigung und daher auch der Seligkeit erfunden wirst.

St. Paulus schreibt durch den Heiligen Geist: „Ich weiß, an welchen ich glaube, und bin gewiss, dass er kann mir meine Beilage [was mir anvertraut ist] bewahren bis an jenen Tag“ 2. Tim 1,12). Und: „Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstenthum, noch Gewalt, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes, noch keine andere Kreatur mag uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesu ist, unserm Herrn“ (Röm 8,38f).

Da sagen die falschen Lehrer, die unverständigen Narren, St. Paulus habe das aus einer besonderen Offenbarung nur von sich gewusst, dass er gewiss selig werden würde.

Aber er sagt ja: „…keine andere Kreatur mag uns scheiden von der Liebe Gottes“. Wer sind denn die „uns“? Das sind doch alle Gläubigen. Das ist ja klar. Und was die falschen Lehrer auch hiergegen sagen, das ist noch törichter. Sie sagen nämlich, mit dem „uns“ meine er nur sich und seine Mitapostel. Aber andere Christen können, meinen sie, ihrer Seligkeit nicht gewiss sein.

So höre denn, was die Apostel aus Eingebung des Heiligen Geistes gerade von anderen Christen schreiben.

St. Petrus schreibt: „Ihr werdet aus Gottes Macht durch den Glauben bewahrt zur Seligkeit“ (1. Petr  1,5).

St. Paulus schreibt: „Welcher auch wird euch fest behalten bis ans Ende“ (1. Kor 1,8).

Derselbe schreibt: „Ich bin desselbigen in guter Zuversicht, dass, der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird’s auch vollführen bis an den Tag Jesu Christi“ (Phil 1,6).

Derselbe schreibt: „Der Herr ist treu, der wird euch stärken und bewahren vor dem Argen“ (2. Thess 3,3).

Und der Herr Jesus selber sagt von seinen Schafen, das ist, von denen, die an ihn glauben, so: „Ich gebe ihnen das ewige Leben; und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie mir aus meiner Hand reißen“ (Joh 10,28).

Was siehst du nun also?

Du siehst dieses:

Du Christ, der du jetzt durch den Glauben die Vergebung der Sünden hast und ihrer gewiss bist, du musst freilich, so es Gottes Wille ist, noch eine ganze Weile hier auf Erden pilgern. Und da wird der Teufel mit großer Macht und mit List dir deinen Glauben und dein Glaubenskleinod rauben wollen. Und die Welt mit tausend Versuchungen wird dich auf die breite Sündenbahn verführen wollen. Und dein eigenes Fleisch und Blut wird dein ärgster Feind sein und dich vom schmalen Lebensweg abdrängen wollen. Du wirst sehr schwach sein gegen all diese Angriffe. Aber — hier ist Gott. Gott ist bei dir. Und Gott sagt und verspricht und verheißt dir feierlich und schriftlich, dass er dich mit seiner Macht durch den Glauben bewahren will zur Seligkeit; dass er dich fest behalten will bis ans Ende; dass er das gute Werk, das er in dir angefangen hat, vollführen will bis an den Tag Jesu Christi; dass er treu ist und dich stärken und bewahren will vor dem Argen; dass er, dein Heiland, dein Hirte, dir, seinem Schäflein, das ewige Leben geben will, und dass du nimmermehr umkommen wirst, und dass dich niemand und nichts aus seiner Hand reißen wird.

Was, o was willst du mehr?!

So sprich nun mit St. Paulus: „Ich weiß, an welchen ich glaube, und bin gewiss, dass er kann mir meine Beilage [was mir anvertraut ist] bewahren bis an jenen Tag.“ Und sprich: „Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstenthum, noch Gewalt, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes, noch keine andere Kreatur mag mich scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesu ist, unserm Herrn.

Ja, du bist gewiss. Schau nur auf zu Gott. Schau auf sein Wort. Sprich: „Gott, mein Gott, ich halte dich bei deinem Wort! Gott, mein Gott, halte mir dein Wort! Bewahre mich in dieser Welt und in all den Jahren meines Lebens. Führe mich ins ewige Leben. Erhalte mich im Glauben. Lass mich einst sterben mit der Vergebung der Sünden!“

Und auf dieses dein Gebet kommt dir die Gottesantwort: „Alle Gottes Verheißungen sind Ja in ihm, und sind Amen in ihm“ (2. Kor 1,20).

Weil die Wahrheit nicht kann lügen,
Will ich dir vertrauen fest,
Weil du keinen nicht verlässt.
Weil dein Wort nicht kann betrügen,
Bleibt mir meine Seligkeit
Unverrückt in Ewigkeit.

aus: Carl Manthey Zorn, Die Vergebung der Sünden, in: Der Lutheraner; 61. Jg. 04.07.1905 Nr. 14, S. 210-212

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