C.M. Zorn: Die Vergebung der Sünden – Teil 7

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Wir haben das letzte Mal aus der Heiligen Schrift erkannt, dass die Lehre von der Vergebung der Sünden nicht eine gefährliche Lehre ist, wie manche Irrgeister sagen, die den Menschen fleischlich sicher und leichtfertig mache. Denn wir haben gesehen, dass Christus die Welt nicht nur von der Schuld und Strafe der Sünde frei gemacht hat, sondern auch von der Macht und Gewalt der Sünde. Die Welt hat in Christus nicht nur Vergebung der Sünden, sondern auch zugleich ein neues geistliches Leben, die Macht, der Sünde zu widerstehen, die Kraft, Gott zu dienen in Werken der Gerechtigkeit, mit anderen Worten: die Heiligung.

Davon wollen wir nun noch weiter handeln.

Auch diese in Christus für die ganze Welt vorhandene Heiligung wird uns, wie die in ihm vorhandene Vergebung der Sünden, durch das Evangelium offenbart und gegeben und geschenkt. Mit anderen Worten: Dass Christus unsere Heiligung ist, dass wir in ihm ein neues, geistliches, von der Herrschaft der Sünde befreites Leben haben, das wird uns durch das Evangelium erstlich offenbart; aber diese Heiligung in Christus, dieses neue, geistliche, von der Sünde, von der Herrschaft der Sünde befreite Leben, wird uns durch das Evangelium auch gegeben und geschenkt — wie der ganze Christus und alles, was er für uns ist und getan hat, uns durch das Evangelium gegeben und geschenkt wird.

Auch dieses lehrt die Heilige Schrift.

Kommen wir wieder auf die zuletzt angeführte Stelle Röm 6 zurück. Da heißt es V. 3 und 4 so: „Wisset ihr nicht, dass alle, die wir in Jesus Christ getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? So sind wir je mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, auf dass, gleichwie Christus ist auferweckt von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, also sollen wir auch in einem neuen Leben wandeln.

Was ist hier gesagt? Dies:

Dass wir, wie wir bei der ersten Anführung dieser Stelle gesehen haben, „mit Christus gestorben“ (V. 8), „der Sünde abgestorben sind“ (V. 2); „dass unser alter Mensch samt ihm gekreuzigt ist, auf dass der sündliche Leib aufhöre, dass wir hinfort der Sünde nicht dienen“ (V. 6 ); dass wir im Gegenteil „in einem neuen Leben wandeln“, „gleichwie Christus ist auferweckt von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters“ (V. 4), und „dass wir mit ihm leben werden“ (V. 8), nämlich in einem von der Macht der Sünde befreiten und nicht mehr von der Sünde bestimmten und regierten Leben — das ist uns durch die Taufe geschenkt und gegeben. Das ist hier gesagt. Denn hier ist gesagt, dass „wir in Jesus Christ getauft sind“, „in seinen Tod getauft“, „mit ihm begraben (sind) durch die Taufe in den Tod, auf dass, gleichwie Christus ist auferweckt von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, also sollen auch wir in einem neuen Leben wandeln“.

Hier ist also gesagt, dass wir durch die Taufe in die Gemeinschaft und in den Besitz Christi kommen und Christi und alles dessen teilhaftig werden, was er für uns erworben hat: auch der Freiheit von der Macht der Sünde und der Kraft, ein neues und gottgefälliges Leben zu führen.

Also durch die Taufe wird uns Christus und seine für uns erworbene Freiheit von der Macht der Sünde und sein neues, von der Sünde freies Leben gegeben, geschenkt. Durch die Taufe wird uns Christus gegeben und geschenkt. Und durch die Taufe wird uns mit Christus nicht allein Vergebung der Sünden und die Rechtfertigung, sondern auch die Heiligung gegeben und geschenkt.

Unsere Heiligung ist also eine Gabe, ein Geschenk Gottesdas Gott uns von Christus her durch die Taufe gibt.

Unsere Heiligung ist nicht unser eigenes Werk. Unsere Heiligung ist auch nicht ein solches Werk Gottes in uns, welches Gott extra und besonders und ohne Christus an uns tut oder in uns anrichtet, sondern unsere Heiligung —dass wir der Sünde absterben und in einem neuen Leben wandeln — ist das, dass Christi Tod, dass er unserer Sünde abgestorben ist, und Christi neues Leben, dass er durch die Auferstehung in ein neues von unserer Sünde freies Leben eingetreten ist, uns gegeben, geschenkt, auf uns, in uns gelegt, uns mitgeteilt wird, und zwar durch die Taufe: das ist unsere Heiligung.

Das ist hier gesagt.

Die Taufe aber ist, wie du weißt, und wie jeder Christ wissen sollte, ein Stück des Evangeliums.

Also durch das Evangelium wird uns Christi Absterben von der Sünde und Christi neues Leben gegeben, geschenkt, auf uns, in uns gelegt, uns mitgeteilt, so dass wir nun — in Christus, durch das Evangelium — das Absterben von der Sünde und das neue Leben, item, die Heiligung empfangen.

Weiter!

Wie kommen wir nun in den Besitz und Genuss dessen, was uns von Christus her durch das Evangelium gegeben, geschenkt, auf uns, in uns gelegt, uns mitgeteilt, zum Besitz und Genuss dargereicht wird? Wie kommen wir in den Besitz und Genuss der Heiligung?

Durch den Glauben, allein durch den Glauben.

Wie wir durch den Glauben, allein durch den Glauben in den Besitz und Genuss der Vergebung der Sünden und der Rechtfertigung kommen, so kommen wir auch durch den Glauben, allein durch den Glauben in den Besitz und Genuss der Heiligung. Gewiß doch! In den Besitz und Genuss eines Gnadengeschenkes kommt man allein durch Annehmen.

Daher heißt es Röm 6,8 — wir kommen wieder auf diese Römerstelle —: „Sind wir aber mit Christus gestorben“ (nämlich der Sünde abgestorben), „so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden“ (nämlich in einem neuen Leben wandeln). Durch den Glauben haben wir das Absterben des alten Menschen, des alten Adam, und das Leben des neuen Menschen: die Heiligung, die von Christus durch das Evangelium auf uns gekommen ist.

Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat“ (1. Joh 5,4). Durch den Glauben haben wir Christus, durch den Glauben haben wir Vergebung der Sünden — durch den Glauben haben wir auch den Sieg über die Welt, die Überwindung der Welt, der Sünde, und die Macht, Gottes Gebote zu halten; denn durch den Glauben haben wir den längst vollbrachten Sieg Christi über die Welt und Christi neues Leben.

So weit sind wir jetzt. Nun wollen wir uns des Zusammenhangs und der ganzen Sache erinnern, um die es sich handelt.

Durch den Glauben, durch einfaches Annehmen und Vertrauen, haben und besitzen und genießen wir die Vergebung der Sünden und die Rechtfertigung, die in Christus für die ganze Welt fertig und bereit und da ist und die uns durch das Evangelium offenbart und gegeben und geschenkt, frei und umsonst und ohne jegliche Bedingung gegeben und geschenkt ist.

Das soll nach Meinung der falschen Lehrer eine gefährliche Lehre sein, weil sie die Menschen frech, vermessen und leichtfertig mache, dass sie sich allzu schnell der Gnade Gottes und der Vergebung ihrer Sünden trösten und dabei in ihrem unbekehrten Zustand und in ihrem sündhaften Leben und Wandel bleiben.

Nun bedenke, wie unbegründet und unverständig dieser Vorwurf ist. Schau her:

Gott schenkt uns aus lauter Gnade, frei und umsonst, durch das Evangelium, Christus. Nehmen wir Christus an, glauben wir an ihn, so haben wir ihn.

Christus ist unsere Gerechtigkeit. Nehmen wir Christus an, glauben wir an ihn, so haben wir die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, die Vergebung der Sünden, die Rechtfertigung.

Christus ist unsere Heiligung. Nehmen wir Christus an, glauben wir an ihn, so haben wir mit der Vergebung der Sünden auch die Heiligung, dass wir der Sünde absterben und in einem neuen Leben wandeln.

So lehrt Gottes Wort.

Wie ist es nun mit dem Vorwurf der falschen Lehrer gegen unsere, das ist, Gottes Lehre, dass sie gefährlich sei? Es ist nichts damit.

In Gottes Reich gilt, herrscht, wird gegeben und empfangen nur Gnade — durch Christus — durch das Evangelium — durch den Glauben.

Diese Gnade gibt uns durch Christus, durch das Evangelium, durch den Glauben erstlich die rechte Weisheit, die Offenbarung und die Erkenntnis der ewigen und heilsamen Gotteswahrheit.

Diese Gnade gibt uns durch Christus, durch das Evangelium, durch den Glauben sodann die Gerechtigkeit, die Gerechtigkeit Christi, die vollkommene Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, die Vergebung der Sünden, die Rechtfertigung.

Diese Gnade gibt uns durch Christus, durch das Evangelium, durch den Glauben damit auch die Heiligung, die Kreuzigung und den Tod des alten Menschen, das Leben des neuen Menschen. Diese Heiligung ist in diesem Leben noch unvollkommen in uns, weil wir solchen Schatz in irdischen Gefäßen haben. Aber, Christen, „die Sünde wird nicht herrschen können über euch, weil ihr nicht unter dem Gesetze seid, sondern unter der Gnade“ (Röm 6,14). Über euch schwebt und herrscht nicht mehr das Gesetz, dass ihr das halten und dadurch gerecht und selig werden sollt, sondern die Gnade macht euch gerecht und selig durch den Glauben. Über euch schwebt und herrscht nicht mehr das Gesetz, dass ihr das aus eigener Kraft halten und so fromm werden sollt, sondern die Gnade gibt euch die Macht, über die Sünde zu herrschen. O wie tröstet das unser Herz! „Wenn du mein Herz tröstest, so laufe ich den Weg deiner Gebote“ (Ps 119,32). Eben gerade diese Gnade und Gnadenlehre, und sie einzig und allein, macht uns lustig und eifrig und fröhlich, der Sünde abzusagen und Gott zu dienen. Sie ist das rechte göttliche Heiligungsfeuer, eine Macht und Kraft Gottes in uns. Alles andere und alle andere Lehre ist Irrlichterei und Ohnmacht.

Und diese Gnade gibt uns durch Christus, durch das Evangelium, durch den Glauben endlich die Erlösung, die Erlösung von allem Übel und das himmlische Reich, die ewige Seligkeit.

Alles gibt die Gnade.

Diese Gnade mag einer auf Mutwillen ziehen, missbrauchen. Aber er wird mit solchem Mutwillen und Missbrauch nicht in den Himmel schlüpfen.

Nun? Ist unsere Gnadenlehre „gefährlich“?

Wenn du jetzt singen willst, so singe, wie folgt:

Nichts kann ich vor Gott ja bringen,
Als nur dich, mein höchstes Gut;
Jesu, es muss mir gelingen
Durch dein rosinfarbnes Blut.
Die höchste Gerechtigkeit ist mir erworben
Da du bist am Stamme des Kreuzes gestorben;
Die Kleider des Heils ich da habe erlangt,
Worinnen mein Glaube in Ewigkeit prangt.

Nun, so gib, dass meine Seele
Auch nach deinem Bild erwacht.
Du bist ja, den ich erwähle,
Mir zur Heiligung gemacht.
Was dienet zum göttlichen Wandel und Leben,
Ist in dir, mein Heiland, mir alles gegeben;
Entreiße mich aller vergänglichen Lust,
Dein Leben sei, Jesu, mir einzig bewusst.

aus: C.M. Zorn, Die Vergebung der Sünden, in: Der Lutheraner; 61. Jg. 23.05.1905 Nr. 11, S. 147f

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