C.M. Zorn: Die Vergebung der Sünden – Teil 6

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„Das ist eine gefährliche Lehre!“

So sagen mit großem Nachdruck und mit großer Entrüstung eben die falschen Lehrer, von welchen ich dir, lieber Leser, im letzten Artikel erzählt habe — so sagen sie, wenn sie die Lehre hören, welche ich dir als die rechte und göttliche Lehre dargelegt habe.

Welche Lehre nämlich?

Diese: Gott hat der ganzen Welt durch Christus die Sünden vergeben, die ganze Welt durch Christus gerechtfertigt; diese Vergebung der Sünden und Rechtfertigung offenbart und gibt Gott uns durch das Evangelium — schenkt sie uns frei und umsonst und ohne jegliche Bedingung; er bittet, er überredet uns, sie anzunehmen, er wirkt den Glauben in uns; wir glauben, wir nehmen an; und so besitzen und genießen wir die Vergebung der Sünden.

Diese Lehre soll eine gefährliche Lehre sein.

Warum? Was geben die falschen Lehrer für einen Grund an, wenn diese Lehre eine gefährliche Lehre sein soll?

Sie sagen, durch diese Lehre werde ein Mensch frech, vermessen und leichtfertig gemacht, tröste sich allzu schnell der Gnade Gottes und der Vergebung seiner Sünden und bleibe dabei in seinem unbekehrten Zustand und in seinem sündhaften Leben und Wandel.

Was antworten wir diesen Leuten? Wie begegnen wir diesem Vorwurf?

Zunächst, lieber Christ, lass uns doch bedenken, von welchen Leuten dieser Vorwurf kommt. Er kommt von den falschen Lehrern, die den Glauben zu einem menschlichen Werk und Verdienst und so zu einer Ursache machen, um welcher willen Gott uns die Sünden vergeben und uns rechtfertigen wolle — die also die Gnade Gottes verkleinern, das Verdienst Christi herabsetzen, das Wort Gottes schändlich verdrehen, die, wo Gott sagt: „Es ist hier kein Unterschied“, sagen: „Es ist hier aber doch ein Unterschied.“ Nun, mein Lieber, wenn diese Leute diesen Vorwurf erheben, macht das irgendeinen Eindruck auf dich? Dass die das sagen, das ist ja ganz natürlich. Das passt in ihren Kram. Nach ihrer Lehre muss ja ein Mensch erst fromm werden, und dann wird er gerechtfertigt und empfängt Vergebung der Sünden. Darum befürchten sie auch, dass ein Mensch „sich allzu schnell der Gnade Gottes und der Vergebung seiner Sünden tröste“. Es sind blinde Blindenleiter; lass sie fahren.

Und dann, mein Christ, bedenke, wer die Lehre lehrt, gegen welche jene Leute den Vorwurf erheben, dass sie gefährlich sei. Gott lehrt diese Lehre. Meinst du, dass Gott eine Lehre lehrt, die gefährlich ist? Meinst du, dass Gott eine Lehre lehrt, durch welche ein Mensch frech, vermessen und leichtfertig gemacht wird, „sich allzu schnell der Gnade Gottes und der Vergebung seiner Sünden tröstet“ und dabei in seinem unbekehrten Zustand und in seinem sündhaften Leben und Wandel bleibt? Dass Menschen in ihrer Bosheit diese Lehre missbrauchen, das ist ja freilich wahr. Aber meinst du, dass die Lehre daran schuld ist? die Lehre Gottes? Lass dich doch nicht irre machen!

Aber nun will ich dir mit Gottes Hilfe klar und deutlich zeigen, dass ein Mensch durch die auf diesen Blättern dargelegte Gotteslehre nicht frech, vermessen und leichtfertig gemacht wird, sich nicht „allzu schnell der Gnade Gottes und der Vergebung seiner Sünden tröstet“ und dabei in seinem unbekehrten Zustand und in seinem sündhaften Leben und Wandel bleibt.

Und ich will dir gleich vorweg mit einem kurzen Wort den Grund dafür angeben. Es ist dieser: Mit der Vergebung der Sünden und der Rechtfertigung schenkt Gott durch das Evangelium uns auch gleich die Heiligung. Und wer durch den Glauben die Vergebung der Sünden und die Rechtfertigung annimmt, der nimmt auch gleich die Heiligung an.

Wo ist also jetzt die Gefahr, dass ein Mensch durch unsere Gotteslehre frech, vermessen und leichtfertig gemacht wird, „sich allzu schnell der Gnade Gottes und der Vergebung seiner Sünden tröstet“ und dabei in seinem unbekehrten Zustand und in seinem sündhaften Leben und Wandel bleibt?

Aber ich will dir diese Sache im Folgenden näher darlegen. Nimm dir vor, dass du sonderlich gut aufmerken willst.

Du weißt, dass Jesus Christus uns erlöst hat von allen Sünden.

Frage 152 in unserm Synodalkatechismus lautet: „Inwiefern hat er dich von allen Sünden erlöst?“ Und die Antwort lautet: „Er hat mich von der Schuld, Strafe und Herrschaft der Sünde befreit.

Frage 158 lautet: „Hat Christus nur dich erlöst, erworben und gewonnen?“ Und die Antwort lautet: „Nein; mich und alle verlorenen und verdammten Menschen.

Nun merke: Christus hat alle verlorenen und verdammten Menschen erlöst von der Sünde, und zwar nicht allein von der Schuld und Strafe, sondern auch von der Herrschaft der Sünde.
Was heißt das, dass Christus alle Menschen von der Herrschaft der Sünde erlöst hat?

Das heißt: Indem Christus die ganze Welt frei gemacht hat von der Schuld und Strafe der Sünde, hat er sie auch zugleich frei gemacht von der Macht und Gewalt, von den Ketten und Banden, von der Knechtschaft und Sklaverei, vom Zwang und Drang der Sünde. Die erlöste Welt hat in Christus nicht allein Vergebung der Sünden und die Rechtfertigung, sie hat auch nicht allein ewiges Leben und Seligkeit in ihm, sondern sie hat auch zugleich in Christus ein neues geistliches Leben, die Macht, der Sünde zu widerstehen, die Kraft, Gott zu dienen in Werken der Gerechtigkeit, item, die Heiligung.

Verstehst du? Oder ist dir dieses etwas Neues?

Komm, ich will dir zeigen, was die Heilige Schrift hiervon sagt.

1. Kor 1,30 heißt es: „Welcher (Christus Jesus) uns gemacht ist von Gott zur Weisheit, und zur Gerechtigkeit, und zur Heiligung, und zur Erlösung.“ Also Jesus Christus ist nicht nur unsere Weisheit, das heißt, in ihm haben wir nicht nur die rechte Wahrheit Gottes; und er ist nicht nur unsere Gerechtigkeit, das heißt, in ihm haben wir nicht nur Vergebung der Sünden und die Rechtfertigung; und er ist nicht nur unsere Erlösung, das heißt, in ihm haben wir nicht nur ewiges Leben und Seligkeit — sondern er ist auch unsere Heiligung, das heißt, in ihm haben wir auch neues geistliches Leben, die Macht der Sünde zu widerstehen, die Kraft, Gott zu dienen in Werken der Gerechtigkeit.

1. Petr 1,18f heißt es: „Wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem eitlen Wandel nach väterlicher Weise, sondern mit dem teuren Blut Christi.“ Also als Christus sein Blut für uns vergoss, da hat er uns erlöst, befreit auch von unserm eitlen, bösen, nichtigen, angeerbten und gewohnten Wandel, und wir haben in ihm die Macht, einen rechten, guten, neuen, göttlichen Wandel zu führen.

Röm 6 wird gesagt, dass wir der Sünde „abgestorben sind“ (V. 2), nämlich „mit Christus“ (V. 8), „dass unser alter Mensch samt ihm gekreuzigt ist, auf dass der sündliche Leib aufhöre, dass wir hinfort der Sünde nicht dienen“ (V. 6), sondern, dass wir „in einem neuen Leben wandeln“ (V. 4) und „mit ihm leben werden“ (V. 8). — Hier — wir werden auf diese Stelle bald wieder zurückkommen — ist gesagt: Christus ist durch sein Kreuz und durch seinen Tod frei geworden von unserer Sünde, die sein ganzes Leben lang auf ihm lag und durch welche sein ganzes Leben, sein ganzes Tun und Lassen bestimmt und regiert wurde, und durch seine Auferstehung ist er in ein neues Leben eingetreten, in ein Leben, welches nicht mehr durch unsere Sünde bestimmt und regiert wird; und — das gehört uns —- in Christus hat die ganze Welt Freiheit von der Macht der Sünde und ein neues, nicht mehr von der Sünde bestimmtes und regiertes Leben.

In Summa: Die Schrift lehrt, dass Christus die ganze Welt frei gemacht hat nicht nur von der Schuld und Strafe der Sünde, sondern auch zugleich von der Macht und Gewalt, von den Ketten und Banden, von der Knechtschaft und Sklaverei, vom Zwang und Drang der Sünde. Die ganze Welt hat in Christus nicht nur Vergebung der Sünden, auch nicht nur Leben und Seligkeit, sondern auch zugleich ein neues geistliches Leben, die Macht, der Sünde zu widerstehen, die Kraft, Gott zu dienen in Werken der Gerechtigkeit, item, die Heiligung.

aus: C.M. Zorn, Die Vergebung der Sünden, in: Der Lutheraner; 61. Jg. 09.05.1905 Nr. 10 S. 147f

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