C.M. Zorn: Die Vergebung der Sünden – Teil 5

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In der vorigen Nummer habe ich dir, lieber Leser, erst die falsche Lehre vom Glauben gezeigt und dann die rechte Lehre. Mit dem zweiten Punkte war ich aber noch nicht fertig. Ich habe dir aus der Schrift bewiesen, dass die durch Christus geschehene Versöhnung der ganzen Welt die Rechtfertigung der ganzen Welt ist, besonders aus 2. Kor 5,19: „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu.

Nun höre weiter, was dieser so wichtige Spruch noch sagt.

Gott war in Christus, und versöhnte die Welt mit ihm selber, und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu, und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.“ Das Wort von der Versöhnung ist das Evangelium, „darin offenbart wird die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt“ (Röm 1,17). Dass Gott in Christus war und die Welt mit sich selber versöhnte und ihnen also ihre Sünden nicht zurechnete; dass durch Christus „die Rechtfertigung des Lebens über alle Menschen kommen“ ist (Röm 5,18); dass Gott in Christus die ganze Sünderwelt absolviert, das heißt, ihr die Sünden vergeben und sie gerechtfertigt hat; dass daher unsere Rechtfertigung und die Vergebung unserer Sünden schon geschehen und eine vollendete und ganz fertige Sache und Tatsache ist — das wird uns durch das Evangelium offenbart, angezeigt, mitgeteilt, als frohe Botschaft berichtet.

Das wird uns durch das Evangelium aber nicht nur offenbart. Das Evangelium „ist eine Kraft Gottes“ (Röm 1,16): es gibt uns auch die in Christus schon vorhandene Vergebung der Sünden, die Rechtfertigung, die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Wie eine gute Tausenddollarbanknote, die auf unseren Namen lautet und uns gegeben wird, uns nicht nur offenbart, anzeigt, mitteilt, berichtet, dass tausend Dollars für uns da sind, sondern uns tausend Dollars wirklich gibt, weil sie ein „Wertpapier“ und (dass ich so sage) eine Kraft ist: so ist das Evangelium eine Kraft Gottes und gibt uns das, was es uns offenbart und worauf es lautet, nämlich Vergebung der Sünden, Rechtfertigung, Gerechtigkeit durch Jesus Christus, ja Christus selbst. Und das durchaus ohne Bedingung. Wir brauchen nicht erst noch dieses oder das zu tun, nicht erst hin und wieder zu laufen, um das zu erlangen, was das Evangelium uns offenbart. Nein, im Evangelium und durch das Evangelium und mit dem Evangelium haben wir das, worauf es lautet, nämlich Vergebung der Sünden, die Rechtfertigung, die vor Gott geltende Gerechtigkeit durch Christus, Christus selbst. Wenn wir etwa sagen: „O wie erlange ich nun die Vergebung der Sünden, die Rechtfertigung, die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, und den lieben Heiland Jesus Christus, von dem das Evangelium mir sagt?“ dann wird uns diese Antwort: „Sprich nicht in deinem Herzen: Wer will hinauf gen Himmel fahren? (Das ist nicht anders, denn Christus herabholen.) Oder, wer will hinab in die Tiefe fahren? (Das ist nicht anders, denn Christus von den Toten holen) … Das Wort ist dir nahe, nämlich in deinem Munde und in deinem Herzen. Dies ist das Wort vom Glauben, das wir predigen“ (Röm 10,6-8). Daher sagt auch der Herr Jesus zu seinen Jüngern: „Ihr seid jetzt rein um des Worts willen, das ich zu euch geredet habe“ (Joh 15,3).

Ja, durch das Wort, durch das Wort vom Glauben, durch das Evangelium wird uns die durch Christus für die ganze Welt erwirkte Vergebung der Sünden und Rechtfertigung offenbart und gegeben, frei und ohne alle Bedingung gegeben.

Es ist also nicht wahr, dass Gott uns durch das Evangelium die durch Christus geschehene Versöhnung anzeigt und zugleich sagt, welche Bedingung wir erfüllen müssen, damit er uns nun wirklich die Sünden vergebe und uns rechtfertige — dass wir nämlich zuvor glauben müssen. Ehe vom Glauben die Rede sein konnte, hat Gott ja die ganze Welt und uns gerechtfertigt und uns die Rechtfertigung durch das Evangelium offenbart und gegeben.

Und doch müssen wir glauben, um in den Besitz und Genuss der Vergebung der Sünden und der Rechtfertigung zu kommen. Die Vergebung der Sünden und die Rechtfertigung, die für uns längst da ist und die uns durch das Evangelium geoffenbart und gegeben wird, müssen wir annehmen, auf sie vertrauen, uns auf sie verlassen, sie glauben. Das ist doch klar! Nehmen wir die Vergebung der Sünden und die Rechtfertigung nicht an, misstrauen wir dem göttlichen Schriftwort, verlassen wir uns nicht auf Gottes Schrift und Siegel, sondern werfen wir die uns Vergebung der Sünden und Rechtfertigung zuschreibende Schenkungsurkunde als ungültig weg — nun, so kommen wir nicht in den Besitz und Genuss der Vergebung der Sünden und der Rechtfertigung. Was hat ein Narr von einer Tausenddollarbanknote, wenn er sie als ein wertloses Stück Papier in den Ofen wirft? Das Evangelium ist das Mittel, durch welches das, was in Christus längst für uns fertig und da ist, nämlich die Vergebung der Sünden, oder die Rechtfertigung, uns offenbart und gegeben wird — das Evangelium sollen wir glauben, annehmen, darauf vertrauen, uns darauf verlassen; dann haben wir, was es enthält, nämlich die Vergebung der Sünden, die Rechtfertigung aus Gnaden durch Christus. „Christus ist des Gesetzes Ende.“ Christus hat für uns alle Forderung des Gesetzes erfüllt, für uns allen Fluch des Gesetzes getragen. Christi Werk gilt für uns alle. Wir haben, um vor Gott gerecht zu werden, mit dem Gesetz nichts mehr zu tun. An Stelle des Gesetzes tritt das Evangelium, welches uns Christus, der unsere Gerechtigkeit ist, offenbart und gibt. „Wer an den glaubt, der ist gerecht“ (Röm 10,4). Christus spricht: „Gehet hin in alle Welt und prediget das Evangelium aller Kreatur. Wer da glaubt und getauft wird“ (die Taufe gehört zum Evangelium und ist ein mit dem Wort verbundenes sichtbares Zeichen, durch welches uns die Vergebung der Sünden und die Rechtfertigung gegeben wird), „der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden“, weil er die im Evangelium gegebene Vergebung der Sünden wegwirft (Mk 16,15f). So müssen wir allerdings glauben, um in den Besitz und Genuss der Vergebung der Sünden und der Rechtfertigung zu kommen.

Aber es ist nicht wahr, dass wir durch den Glauben Gott, der uns durch die Versöhnung so weit entgegengekommen ist, nun auch entgegenkommen müssen, und dass Gott uns dann wirklich die Sünde vergibt und uns rechtfertigt. Gott hat uns schon längst „wirklich“ die Sünde vergeben und uns gerechtfertigt, nämlich in Christus, unserm Stellvertreter; und er hat uns die Vergebung der Sünden und die Rechtfertigung „wirklich“ gegeben, nämlich durch das Evangelium. Um diese nun zu besitzen und zu genießen, sollen wir sie nur annehmen, glauben.

So gibt es nur eine Ursache, die Gott bewegt, uns die Sünden zu vergeben und uns zu rechtfertigen, nämlich eine Ursache, die nur und allein in Gott ist, nämlich seine Gnade und das Verdienst Christi, item, die aus seiner Gnade durch Christus geschehene Versöhnung. Und gerade weil nur diese eine Ursache da ist — weil nur in Gott die Ursache ist, die Gott bewegt, uns die Sünden zu vergeben und uns zu rechtfertigen — deshalb sollen wir — deshalb sollen wir nur glauben, nur annehmen, nur dem vertrauen, uns nur auf das verlassen, was Gott aus Gnaden für uns und an uns getan hat und tut und uns schenkt und gibt, nämlich die Gerechtigkeit, die vor ihm gilt. „Deshalb muss die Gerechtigkeit durch den Glauben kommen, auf dass sie sei aus Gnaden“ (Röm 4,16). Gerade dass wir die längst gewirkte und angebotene und geschenkte Gerechtigkeit nur glauben sollen, das zeigt, dass sie aus Gnaden ist.

Es ist also nicht wahr, sondern es ist eine grobe und gräuliche Lüge, dass es eine zweifache Ursache gibt, die Gott bewegt, uns die Sünden zu vergeben und uns zu rechtfertigen, nämlich dass die eine Ursache in Gott ist, nämlich seine Gnade und das Verdienst Christi, item, die aus seiner Gnade durch Christus geschehene Versöhnung, und dass die andere Ursache im Menschen ist, nämlich der Glaube.

Und es ist nicht wahr, sondern es ist eine grobe und gräuliche Lüge, dass der Glaube eine „sittliche Tat“ des Menschen ist, durch welche der Mensch sich als für die Gnade empfänglich erweist und durch welche Gott bewegt wird, die Gnade nun wirklich über ihn walten zu lassen, und ihm, dem Gläubigen, die Sünden zu vergeben und ihn zu rechtfertigen.

Es ist nicht wahr, sondern es ist eine grobe und gräuliche Lüge, dass wir, um in Folge der geschehenen Versöhnung Vergebung der Sünden und die Rechtfertigung zu empfangen, nun auch an unserm Teile etwas tun, nämlich glauben müssen, nämlich die Gnade Gottes erkennen, uns dazu schicken, Gott dankbar sein, unsere Sünden bereuen und hassen und lassen, Gott um Gnade anrufen, ein neu christlich Leben anfangen —und dass uns Gott dann unsere Sünden vergibt und uns rechtfertigt, weil er dann sieht, dass wir seiner Gnade auch wert, dafür empfänglich sind.
Es ist nicht wahr, sondern es ist eine grobe und gräuliche Lüge, dass Gott zu uns so sagen soll: „Ich habe so viel für euch getan; nun tut ihr aber auch etwas; dann will ich euch um Christi willen die Sünden vergeben und euch rechtfertigen.“

Ja, durch solche Rede und Lehre wird der Glaube zu einem Werk des Menschen gemacht, welches zu der durch Christus geschehenen Versöhnung hinzukommen muss, um Gott zu bewegen, einem Menschen die Sünden zu vergeben und ihn zu rechtfertigen.

Es ist nicht wahr, sondern es ist eine satanische Verdrehung der Schrift, wenn man diese fluchwürdige Lehre mit solchen Sprüchen beweisen will: „Da nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gichtbrüchigen: Sei getrost, mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben“ (Mt 9,2). Und: „Was sagt denn die Schrift? Abraham hat Gott geglaubt, und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet“ (Röm 4,3). Diese Sprüche (und ähnliche) sagen nicht, dass ein Mensch erst gläubig sein und dass der Glaube hinzukommen muss, und dass ihm Gott dann die Sünden vergibt und ihn rechtfertigt. Auch sagen sie nicht, dass der Umstand, dass ein Mensch glaubt, ihm zur Gerechtigkeit gerechnet wird — wie die falschen und leichtfertigen Lehrer und Prediger narren. Sondern was sagen diese und ähnliche Sprüche? Sie sagen, dass ein Mensch durch den Glauben das hat, was längst für ihn da ist, nämlich die Rechtfertigung und Vergebung der Sünden.

Höre!

Der Glaube ist keine Ursache, die Gott bewegt, uns die Sünden zu vergeben und uns zu rechtfertigen. Durch den Glauben ergreift vielmehr der Mensch die ihm allein aus Gnaden durch Christus gewordene und durch das Evangelium ganz bedingungslos geschenkte Vergebung der Sünden und Rechtfertigung.

Höre ferner!

Der Glaube ist ja freilich ein Tun und Werk des Menschen.

Annehmen, vertrauen, sich auf etwas verlassen ist doch ein Tun und Werk des Menschen. Und annehmen, was Gott gibt, auf Gott vertrauen, sich auf Gott verlassen und auf sein Wort — das ist sogar ein gutes und schönes Tun und Werk des Menschen.

Aber!

Erstens: Dies Glauben, dieses Annehmen, dieses Vertrauen, dieses Sichverlassen auf Gott — das ist nicht aus uns; Gottes Gabe ist es; Gott wirkt den Glauben in uns (Eph 2,8; Kol 2,12). Wir, aus uns selbst, können nicht glauben, nicht annehmen, was Gott gibt, nicht auf Gott vertrauen, uns nicht auf Gott verlassen; denn uns ist das ganze Evangelium eine Torheit, wir können es nicht erkennen (1. Kor 2,14). Der Glaube ist eine purlautere Gnadengabe und Wirkung Gottes, die Gott mit viel Mühe in uns zuwege gebracht hat.

Und zweitens: Bei dem rechtfertigenden Glauben, das heißt, dabei, dass der Glaube die Vergebung der Sünden und die Rechtfertigung annimmt, darauf vertraut, sich darauf verlässt und so in den Besitz und Genuss derselben kommt — merkst du auf? — dabei kommt es gar nicht in Betracht, dass der Glaube ein Tun und Werk und sogar ein gutes und schönes Tun des Menschen ist; sondern dabei — merkst du auf? — ist der Glaube nur das von Gott selbst im Menschen geschaffene Mittel oder die von Gott selbst geführte und geöffnete Hand des Menschen, durch die der Mensch das empfängt, was Gott schon längst für alle Menschen aus Gnaden durch Christus bereitet hat und was Gott durch das Evangelium schenkt, offenbart und gibt, nämlich die Vergebung der Sünden und die Rechtfertigung.

Gott hat der ganzen Welt durch Christus die Sünden vergeben, die ganze Welt durch Christus gerechtfertigt; diese Vergebung der Sünden und Rechtfertigung offenbart und gibt er uns durch das Evangelium; er selbst überredet uns, das anzunehmen, er selbst wirkt den Glauben in uns; wir glauben und nehmen an und besitzen und genießen nun Vergebung der Sünden. — Wo ist da der Glaube eine Ursache, die Gott bewegt, uns die Sünden zu vergeben? Oder wo kommt da der Glaube als ein gutes und schönes Werk oder als eine „sittliche Tat“ des Menschen in Betracht?

Es ist alles Gnade.

So lerne jetzt ein frommer Christ
Des Glaubens recht Gestalte;
Nicht mehr, denn, lieber Herre mein,
Dein Tod wird mir das Leben sein,
Du hast für mich bezahlet.

aus: C.M. Zorn, Die Vergebung der Sünden, in: Der Lutheraner; 61. Jg. 11.04.1905 Nr. 8 S. 116-118

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