C.M. Zorn: Die Vergebung der Sünden – Teil 4

Posted On Kommentar hinzufügen

Wir haben das vorige Mal gesehen, wie wir in den Besitz und Genuss der Vergebung der Sünden oder der Rechtfertigung kommen, die in Christus für uns da ist und die Gott uns aus Gnaden schenkt, nämlich allein durch den Glauben.

Aber ich wollte dir, lieber Christ, noch zeigen, wie diese Lehre vom Glauben selbst von solchen Predigern, die für gläubig gelten, jämmerlich verderbt wird. Und ich wollte dir zeigen, wie sie erhalten wird.

Das sei denn der zweiteilige Gegenstand unserer heutigen Betrachtung.

I. Die falsche Lehre vom Glauben.

Tausende und aber Tausende von Predigern, die für gläubig gelten, lehren vom Glauben, vom rechtfertigenden Glauben, durch welchen man in den Besitz der Vergebung der Sünden kommt, wie folgt:

  1. Wir Menschen, sagen sie, sind verlorene und verdammte Sünder. (Das ist richtig.)
  2. Gott hat sich, sagen sie weiter, über uns erbarmt und hat seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn Jesus Christus, lassen Mensch werden und hat alle unsere Sünde auf ihn gelegt. (Das ist auch gewisslich richtig.)
  3. Christus hat für uns gelitten und ist für uns gestorben und hat uns durch solch sein stellvertretendes unschuldiges und bitteres Leiden und Sterben mit Gott versöhnt. (Das ist, wie es da steht, richtig.)
  4. Das hat, fahren sie fort, Gott den Herrn Christus für uns tun lassen, damit er uns die Sünden vergeben und uns rechtfertigen könne. (Hier fängt das Falsche leise und unmerklich an.)
  5. Gott zeigt uns durch das Evangelium die durch Christus geschehene Versöhnung an und sagt uns zugleich, welche Bedingung wir erfüllen müssen, damit er uns nun wirklich die Sünden vergebe und uns rechtfertige: wir müssen nämlich zuvor glauben. (Hier geht es weiter in das Falsche hinein. Ob du es wohl merkst?)
  6. Die durch Christus geschehene Versöhnung, sagen sie, ist nämlich ein Ding, und die Vergebung der Sünden oder die Rechtfertigung ist ein anderes Ding. Durch die Versöhnung ist der heilige und gnädige Gott uns zwar entgegengekommen und hat seinerseits die Hindernisse aus dem Wege geschafft, so dass er uns nun die Sünden vergeben und uns rechtfertigen kann. Aber durch den Glauben müssen wir nun auch Gott entgegenkommen und auch unsererseits keine Hindernisse mehr sein lassen; dann vergibt Gott uns wirklich die Sünden und rechtfertigt uns. (Das ist falsch.)
  7. So gibt es, sagen sie, eine zweifache Ursache, die Gott bewegt, uns die Sünden zu vergeben und uns zu rechtfertigen. Die eine Ursache ist in Gott — das ist seine Gnade und das Verdienst Christi, item, die aus seiner Gnade durch Christus geschehene Versöhnung. Die andere Ursache ist im Menschen — das ist der Glaube. (Das ist ganz falsch.)

Wenn diese Prediger ein wenig gelehrt reden, dann reden sie so: Durch die durch Christus geschehene Versöhnung der Welt ist es der Heiligkeit Gottes möglich gemacht, die Gnade walten zu lassen und uns Sündern die Sünden zu vergeben und uns so zu rechtfertigen. Durch den Glauben aber, der eine „sittliche Tat“ des Menschen ist und durch welchen der Mensch sich als für die Gnade empfänglich erweist, wird Gott bewegt, die Gnade nun wirklich über ihn walten zu lassen und ihm, dem Gläubigen, die Sünden zu vergeben und ihn zu rechtfertigen.

Wenn diese Prediger einfacher reden, dann reden sie so: Gott hat uns viel Gnade erwiesen; er hat seinen Sohn das große Sünd- und Sühnopfer seiner selbst bringen lassen, wodurch er, Gott, mit der Welt ausgesöhnt ist. Und er zeigt uns das durch das Evangelium an. Aber um nun in Folge der geschehenen Versöhnung Vergebung der Sünden und die Rechtfertigung zu empfangen, müssen auch wir an unserm Teile etwas tun. Wir müssen glauben, das will sagen, wir müssen die Gnade Gottes erkennen, uns dazu schicken, Gott dankbar sein, unsere Sünden bereuen und hassen und lassen, Gott um Gnade anrufen, ein neu christlich Leben anfangen — dann vergibt Gott uns unsere Sünden und rechtfertigt uns, denn dann sieht er, dass wir seiner Gnade auch wert, dafür empfänglich sind.

Beide Reden, die gelehrten und die einfachen, sind grundfalsch, obwohl sie in den Ohren Unerfahrener christlich klingen mögen.

Denn beide Reden laufen auf das Eine hinaus, dass Gott zu uns so sagen soll: „Ich habe so viel für euch getan; nun tut ihr aber auch etwas; dann will ich euch um Christi willen die Sünden vergeben und euch rechtfertigen.“

Die, welche so lehren, die setzen auch in uns eine Ursache, durch welche Gott bewegt werden soll, uns die Sünden zu vergeben und uns zu rechtfertigen, nämlich den Glauben. Und den Glauben machen sie zu einer „sittlichen Tat“, zu einer Tat, zu einem Werk des Menschen, welches zu der durch Christus geschehenen Versöhnung hinzukommen muss, um Gott zu bewegen, einem Menschen die Sünden zu vergeben und ihn zu rechtfertigen.

Es ist das — ja, ich muss so sagen — eine fluchwürdige Rede und Lehre. Denn dadurch wird Gottes Wort von der Gnade zur Lüge gemacht, die Gnade Gottes wird herabgesetzt, menschliches Werk wird an ihren Platz gesetzt, armen Sündern wird ihr einiger und rechter Trost geraubt.

Und dabei wollen diese Lehrer ihre falsche Lehre noch mit Bibelsprüchen schmücken. Hiervon nur ein Beispiel oder zwei. Sie nehmen Mt 9,2 her: „Da nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gichtbrüchigem: Sei getrost, mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.“ Und Röm 4,3: „Was sagt denn die Schrift? Abraham hat Gott geglaubt, und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet.“ Da seht ihr’s, sprechen sie, der Glaube muss dazu kommen, dann vergibt Gott aus Gnaden um Christi willen die Sünden; auch das, dass ein Mensch glaubt, rechnet ihm Gott zur Gerechtigkeit.

Gegen diese falsche Rede und Lehre will ich jetzt die rechte Rede und Lehre setzen. Dann wird dir die Sache am klarsten werden, und die rechte Lehre wird erhalten bleiben.

II. Die rechte Lehre vom Glauben.

Die rechte Lehre vom Glauben, vom rechtfertigenden Glauben, durch welchen man in den Besitz der Vergebung der Sünden kommt, ist wie folgt:

  1. Wir Menschen sind verlorene und verdammte Sünder.
  2. Gott hat sich über uns erbarmt und hat seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn Jesus Christus, lassen Mensch werden und hat alle unsere Sünde auf ihn gelegt.
  3. Christus hat für uns gelitten und ist für uns gestorben und hat uns durch solch sein stellvertretendes, unschuldiges und bitteres Leiden und Sterben mit Gott versöhnt.
  4. Diese durch Christus geschehene Versöhnung der ganzen Welt ist die Rechtfertigung der ganzen Welt.

Ja, mein Lieber, hier musst du gut aufmerken, damit du das, was ich sage, auch wohl verstehst. — Ich sage, die durch Christus geschehene Versöhnung der ganzen Welt ist die Rechtfertigung der ganzen Welt. Jetzt denke nach! Wenn Christus an unserer Statt und Stelle das ganze Gesetz erfüllt hat; wenn Christus unsere Sünden, den über uns entbrannten Zorn Gottes, die von uns verdiente Strafe, nämlich Elend und Tod und Verdammnis, auf sich genommen und an unserer Statt und Stelle getragen und völlig abgebüßt und Gott dadurch mit uns versöhnt hat — was ist denn das? Ja, ich frage: was ist denn das? Ist das nicht, dass wir — mit „wir“ meine ich die ganze Welt — dass wir nun in Christus und durch Christus vor Gott gerecht und ohne Sünde sind? Ist das nicht, dass wir nun in Christus und durch Christus frei sind von Gottes Zorn und Strafe zeitlich und ewiglich? Wenn Gott durch Christus mit uns versöhnt ist, rechnet er uns dann unsere Sünden noch zu? Nein! Er hat unsere Sünden ja auf Christus gelegt, er selbst, und er ist ja durch Christi Leiden versöhnt mit uns Sündern. Also rechnet er uns Sündern die Sünden nicht mehr zu, er rechnet uns vielmehr die Gerechtigkeit Christi zu, er vergibt uns die Sünden — uns, der ganzen Welt. Sobald durch Christus die Versöhnung der Welt vollbracht war, sobald war die Vergebung der Sünden und die Rechtfertigung der ganzen Welt vollbracht, sobald war die Rechtfertigung des Lebens über alle Menschen gekommen, sobald war die Vergebung der Sünden das durch Gottes Blut erworbene Eigentum der ganzen Sünderwelt geworden. So sage ich: Diese durch Christus geschehene Versöhnung der ganzen Welt ist die Rechtfertigung der ganzen Welt.

Ach, mein lieber Christ, ich möchte so gerne, dass du diese Sache recht verstehst!

Jetzt will ich dir zeigen, dass ich das, was ich eben gesagt habe, aus der Heiligen Schrift genommen habe — was? Dass die durch Christus geschehene Versöhnung der Welt die Rechtfertigung der Welt ist, dass mit der Versöhnung der Welt auch gleich die Rechtfertigung der Welt da ist, dass Versöhnung und Rechtfertigung nicht getrennt und geschieden und zu zwei verschiedenen Dingen gemacht werden dürfen.

Nun schau her!

2. Kor 5,19 heißt es: „Gott war in Christus, und versöhnte die Welt mit ihm selber, und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu.“ Also da Gott in Christus die Welt mit ihm selber versöhnte, da rechnete er ihnen (der Welt) ihre Sünden nicht zu, sondern vergab sie.

Röm 5,18 heißt es: „Wie nun durch Eines (Adams) Sünde die Verdammnis über alle Menschen kommen ist: also ist auch durch Eines (Christi) Gerechtigkeit die Rechtfertigung des Lebens über alle Menschen kommen.“ Also über alle Menschen ist die Rechtfertigung gekommen durch und mit der Gerechtigkeit und mit dem Verdienst unsers Stellvertreters Christi.

Wenn Röm 4,5 Gott geschildert wird als, „der die Gottlosen gerecht macht“, so ist klar, dass er das durch die von Christus geschehene Versöhnung getan hat, und nicht erst dann, als die Gottlosen etwa keine Gottlosen mehr waren. Die gottlose Welt hat Gott durch Christus und in Christus vor sich gerecht gemacht.

Röm 4,25 heißt es: „Welcher (Jesus) ist um unserer Sünden willen dahingegeben und um unserer Gerechtigkeit willen auferweckt.“ Christus, der um unserer Sünden willen in den Tod gegeben ist, um Gott zu versöhnen, der ist von Gott auferweckt. Damit hat Gott erklärt, dass er nun versöhnt ist und dass wir gerechtfertigt sind. Die Auferweckung Christi ist unsere, der ganzen Welt, Rechtfertigung.

1. Kor 1,30 heißt es von Christus Jesus: „Welcher uns gemacht ist von Gott … zur Gerechtigkeit.“ Also da ist Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene, der Versöhner der Welt, der von Gott feierlich beglaubigte Versöhner der Welt — nun, der ist unsere Gerechtigkeit, unsere Rechtfertigung, die Vergebung unserer Sünden.

Verstehst du das alles?

Es ist also nicht wahr, dass Gott uns durch Christus hat versöhnen lassen, damit er uns die Sünden vergeben und uns rechtfertigen „könne“, sondern die Versöhnung durch Christus ist unsere Rechtfertigung und die Vergebung unserer Sünden — unserer und der ganzen Welt.

Es ist nicht wahr, dass durch die durch Christus geschehene Versöhnung der Welt es der Heiligkeit Gottes nur „möglich gemacht“ ist, die Gnade walten zu lassen und uns die Sünden zu vergeben und uns zu rechtfertigen, sondern durch die durch Christus geschehene Versöhnung hat Gott seine Gnade schon voll und ganz über uns walten lassen und uns die Vergebung der Sünden und die Rechtfertigung gegeben — uns und der ganzen Welt.

Es ist nicht wahr, dass die durch Christus geschehene Versöhnung ein Ding und die Vergebung der Sünden oder die Rechtfertigung ein anderes Ding ist, sondern Versöhnung und Vergebung der Sünden oder Rechtfertigung ist ein Ding, welches durch Christus und in Christus über die ganze Welt gekommen ist.

Doch ich bin noch nicht fertig damit.

aus: Carl Manthey Zorn, Die Vergebung der Sünden, in: Der Lutheraner; 61. Jg..1905 Nr. 5 S. 98f

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.